| 11.07.03
F.A.Z.-Sportgespräch
F.A.Z.-Sportgespräch
"Ich bin da, um mich mit den
Besten zu messen"
Von Michael Eder
11. Juli 2003 Jan Sibbersen
ist der weltbeste Schwimmer unter den Langstreckentriathleten.
Zehn Jahre schwamm er in der deutschen Nationalmannschaft;
seit er beim legendären Ironman auf Hawaii 2001 als Erster
aus dem Wasser kam, hat er sich dem Triathlon verschrieben.
Dafür gab der 28 Jahre alte Franke, der in Mühltal bei Darmstadt
lebt, eine berufliche Karriere als Broker auf. Bevor Sibbersen
im vergangenen Jahr TriathlonProfi wurde, arbeitete er nach
einem Wirtschaftsstudium an der Harvard University zunächst
an der Wall Street, dann bei der Investmentbank Goldman Sachs
im Frankfurter Messeturm.
Herr Sibbersen, Sind Sie auf Ihren Freund Klaus Pöttgen
eigentlich noch gut zu sprechen? Wie es aussieht, hat er Ihre
Karriere an der Wall Street beendet.
Ich bin ihm dankbar. Er war es, der Triathlon für mich angestoßen
hat. Im Herbst 2000 hat er mich besucht, als ich in New York
gearbeitet habe. Er hatte sich für ein Rennen in der Karibik,
in St.Croix, angemeldet und fragte, ob ich als Betreuer mitkommen
würde. Zwei Tage später hatte er mich überredet, selbst mitzumachen.
Ich habe mir ein neues Fahrrad gekauft, bin ab und zu im Central
Park im Kreis gefahren und gelaufen oder mit dem Rad den New
Yorker Klassiker über die George Washington Bridge nach New
Jersey. In New York mit dem Rad, da mußt du dir schon gute Zeiten
aussuchen, um lebend anzukommen. Das ist wirklich eine heiße
Sache.
Sie hatten auf Anhieb erstaunlichen Erfolg.
Ja, auf St.Croix, das war ein Tag, an dem alles gepaßt hat,
ich habe gleich meine Altersklasse gewonnen, bin von allen Amateuren
Zweiter geworden und habe mich für Hawaii qualifiziert. Damit
kam die Triathlon-Lawine ins Rollen.
Sie waren damals bei der Investmentbank Goldman Sachs
an der Wall Street beschäftigt?
Ich war im Privatkundengeschäft und hatte einen Vertrag, der
vorsah, daß ich nach einem Jahr als Broker für US-Aktien nach
Frankfurt wechselte. Das habe ich getan.
Dann haben Sie sich 2001 vom Frankfurter Messeturm aus
auf Ihren ersten Hawaii-Auftritt vorbereitet?
Halb New York, halb Frankfurt, das war geteilt, ich bin im Juni
2001 nach Frankfurt gekommen. Die Firma und insbesondere mein
damaliger Chef Normann Rösch haben mir viele Freiräume gegeben,
aber auf Dauer geht das natürlich nicht, auf Dauer ist beides
nicht zu verbinden.
Wie waren Sie nach Harvard gekommen, durch das Schwimmen?
Nein, Harvard, Yale, Princeton - die großen Unis messen sich
im Sport in der Ivy League, und das ist die einzige Liga, die
keine Sportstipendien ausgibt. Da geht es nur um die akademische
Leistung. Natürlich hilft es auch, wenn man ein guter Sportler
ist, aber zunächst einmal müssen die schulischen Leistungen
stimmen, nur dann ist gewährleistet, daß man die Doppelbelastung
auch durchhalten kann und einen vernünftigen Abschluß macht.
Wann ist die Entscheidung gefallen, den Beruf aufzugeben
und Triathlonprofi zu werden?
Zu Beginn des vergangenen Jahres. Ende Juni bin ich bei Goldman
ausgestiegen.
Gab es da nicht viele Leute, die Sie für verrückt erklärt
haben, als Harvard-Absolvent eine attraktive Banker-Karriere
sausenzulassen?
Ja, aber ich habe den Leuten gesagt, genau deswegen habe ich
es gemacht, weil ich Harvard habe und zwei Jahre Berufserfahrung,
genau deswegen kann ich es riskieren, genau deswegen komme ich
später wieder rein - wenn ich wieder in diese Richtung gehen
möchte, was ich im Moment aber noch nicht weiß.
Es war keine Entscheidung aus dem Bauch heraus?
Ich habe alles auch finanziell durchgerechnet. Ich hatte nicht
schlecht verdient bei Goldman, und dann kannst du auch einmal
ein Jahr lang nichts verdienen, darfst halt bloß deinen Lebensstandard
nicht so hoch wählen von Anfang an, dann kannst du normal weiterleben.
Natürlich will man nicht unbedingt an sein Erspartes ran, und
deshalb habe ich mich auch gleich um die Finanzierung, um Sponsoren
gekümmert, das hat bis jetzt ganz gut geklappt. Ich habe mit
Honda und Erdinger zwei exzellente Hauptsponsoren. Dieses Jahr
wird für mich vermutlich null auf null aufgehen, für einen Triathleten
schon ein großer Erfolg.
Hatten Sie vor Ihrem ersten Hawaii-Auftritt schon im
Hinterkopf, Triathlon zum Beruf zu machen?
Zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht. Ich bin mit dem Ziel nach
Hawaii gefahren, ganz vorne mitzuschwimmen, aber ich habe das
als Gag gemacht, als Abenteuer, als gute Story. Danach, von
der Medienresonanz her, und auch vom Erlebnis her habe ich aber
gespürt, daß ich noch nicht abgeschlossen hatte mit dem Leistungssport.
Auf Hawaii kam das Fieber wieder hoch. Im Schwimmen hatte es
nicht ganz gereicht für Olympia, ich war deutsche Spitze, war
bei EM und WM dabei, gut, aber es in einer anderen Sportart
noch einmal zu versuchen, ganz nach vorn zu kommen, das hat
mich so sehr gereizt, daß ich gesagt habe: Gut, du bist jung,
du hast jetzt ein bißchen Geld verdient, finanziell wirst du
die nächsten zwei Jahre überstehen, auch wenn im Triathlon alles
schiefläuft. Ich denke, ich kann diese Entscheidung auch ganz
gut verkaufen, rechtfertigen, wobei das ja gar nicht nötig ist,
wenn man seine Träume verwirklicht.
Auf Ihrer Internetseite stellen Sie sich vor als "Selbstständiger
Unternehmer und Triathlet". Peter Hartz wäre zufrieden mit Ihnen,
klingt wie eine richtige Ich-AG.
Ja, das geht in die Richtung. Ich versuche mein Know-how im
Schwimmen zu vermarkten. Nach Hawaii mache ich jeweils fünf,
sechs Schwimmseminare in ganz Deutschland. Neben den Seminaren
biete ich Online-Coaching für Schwimmer und Triathleten jeder
Leistungsklasse an, zu Monatsbeginn bekommen die Kunden ihre
detaillierten Trainingspläne.
Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Einmal gibt es natürlich
die Möglichkeit, zurück in die Finanzbranche zu gehen, was im
gegenwärtigen Umfeld schwierig wäre, da kann man ruhig noch
ein paar Jahre warten. Dann gäbe es die Möglichkeit, nach dem
Harvard-Bachelor-Abschluß noch den MBA zu machen, Master of
Business Administration, also zurück an die Uni zu gehen und
über eine höhere Qualifikation eine neue Plattform zu erreichen,
um dann wieder ins Geschäftsleben einzusteigen. Möglichkeit
Nummer drei sehe ich im Sportbereich, wo sich beides, Wirtschaft
und Sport, verbinden ließe, oder im Eventbereich, das würde
mich auch interessieren. Möglichkeit vier wäre, das Produkt
Sibbersen richtig zu vermarkten, da muß die sportliche Leistung
dann aber auch stimmen.Und dann eben solche Projekte wie Coaching,
Seminare professioneller betreiben, da gibt es in Amerika gute
Vorbilder. Es wird immer mehr Leute geben, die in ihrer knappen
Freizeit möglichst effizient und nach Plan schwimmen, radfahren
und laufen wollen.
Welches ist Ihre Strategie, was das Sportliche betrifft?
Ich bin da, um mich mit den Besten zu messen. Am Sonntag in
Frankfurt sollte es ein Platz unter den Top ten sein. Wenn man
den Anspruch hat, vorne dabeizusein, dann muß man die Ziele
hoch stecken. Auf Hawaii sollte es, ganz grob, ein Platz unter
den ersten fünfzig werden. Und dann muß ich mal sehen. Im nächsten
Jahr werde ich auf jeden Fall noch dabeisein. Und durch die
beiden diesjährigen Rennen, Frankfurt und Hawaii, wird sich
herauskristallisieren, ob es reicht für eine Zeit von 8:20 Stunden
oder 8:10, ob der Weg dahin machbar ist. Wenn ich jetzt wieder
neun Stunden brauche, dann muß ich auch so selbstkritisch sein
und sagen, es reicht nicht, du hast eine schöne Zeit gehabt,
du hast dir einen Traum verwirklicht, du warst Profisportler,
das war's. Es gibt zu viele, die sagen, jetzt hänge ich noch
ein Jahr dran und noch ein Jahr, und dann sind sie Mitte Dreißig
oder Ende Dreißig und stehen vor dem Nichts.
Sie sind als Schwimmer in die Szene eingestiegen, werden
Sie mittlerweile als Triathlet ernst genommen?
Ich möchte nicht auf ewig als Schwimmer identifiziert werden.
Klar, das Schwimmen wird immer mein Kapital sein, und ich muß
mich auch über das Schwimmen vermarkten, das ist logisch. Aber
natürlich ist es mein Ziel, irgendwann ein kompletter Triathlet
zu sein. Und ich denke, ich bin auf einem guten Weg, Ich zähle
mich jetzt schon zu den guten Radfahrern, und auf der Kurzdistanz
kann ich hintendrauf über zehn Kilometer eine 34er-Zeit laufen.
Das ist nicht 1a, aber 1b ist es schon. Jetzt muß ich halt sehen,
daß es dieses Jahr auch mal auf der Langstrecke kracht.
Das klingt ungeduldig, Ihr erster Hawaii-Auftritt ist
nicht einmal zwei Jahre her.
Es ist leider wie fast überall im Leben, alles muß schnell,
schnell, schnell gehen.Wenn man nach irgendwelchen Internetforen
ginge, dann hätte ich auf Hawaii schon letztes Jahr Platz dreißig
belegen müssen.
Wie war das Gefühl damals 2001 auf Hawaii, als erster
aus dem Wasser zu kommen?
Nun, es gibt auch einen Riesenkick, wenn du für Millionen Aktien
handelst, wenn du mit dem Trader in New York direkt redest und
am anderen Telefon den Kunden hast und fragst, für die ersten
hunderttausend, welchen Preis machst du mir - das ist auch ein
Riesending, aber eben doch nicht gleichzusetzen mit dem Sport.
Hawaii war gigantisch. Besser als der beste Erfolg, den ich
im Schwimmen je hatte. Ich war mal Dritter bei einer WM in der
Staffel, aber auf Hawaii als Erster aus dem Wasser zu kommen,
das war extrem beeindruckend. An den Straßen standen zigtausend
Leute, Führungsfahrzeug, Motorräder um dich rum, ein Hubschrauber,
der 500 Meter vor dir fast bis auf den Highway runtergeht -
das war Wahnsinn, einfach Nervenkitzel, Adrenalin pur. Das war
so beeindruckend, so prägend, daß es danach in Richtung Triathlon
ging.
Beim ersten Mal auf Hawaii kam die Konkurrenz mit dem
Rad schon nach einer Viertelstunde. War es nicht deprimierend,
von da an permanent überholt zu werden?
Nein, überhaupt nicht. Damals war das Rennen für mich nach dem
Schwimmen gelaufen. Da hatte ich meinen Part erfüllt. Beim zweitenmal
war ich schon mehr auf Schadensbegrenzung aus.
Beim zweiten Mal reichte der Vorsprung dann schon fast
anderthalb Stunden. Ist das Ihre Taktik, möglichst lange vorneweg
zu fahren?
Nein, das ist die falsche Taktik. Die geht nicht auf. Das muß
man anders machen. Die anderen von hinten kommen lassen und
dann ein Ticket auf dem Expreßzug lösen - das wäre ideal. Wenn
da vier, fünf Mann zusammen sind, das hilft unglaublich. Auch
wenn alle sauber ohne Windschatten fahren, ist in einer Gruppe
viel Dynamik drin. Ich glaube schon, daß ich dieses Jahr ein
bißchen länger ein Wörtchen mitreden kann.
Wie trainieren Sie, mit welchen Umfängen?
Die Umfänge gehen ganz klar über das Radfahren, ich fahre rund
400 Kilometer die Woche. Beim Laufen achte ich auf Qualität,
auf technisch sauberes Laufen. Im vergangenen Jahr habe ich
zu viel zu schnell gemacht, bin achtzig bis neunzig Kilometer
die Woche gelaufen, das ist für Lothar Leder nicht viel, aber
mir hat es eine Knochenhautentzündung gebracht. Jetzt laufe
ich noch fünfzig, sechzig Kilometer, manchmal siebzig, und das
funktioniert.
Sie wohnen quasi um die Ecke, trainieren Sie mit Lothar
Leder?
Laufen kann ich mit ihm so gut wie gar nicht, er ist einfach
zu schnell. Auf dem Rad sind wir oft gemeinsam unterwegs, zwei-,
dreimal die Woche. Schwimmen? Ab und zu.
Was macht Leder so stark?
Er ist mental unheimlich stark, er ist ein kompletter Athlet,
und er regeneriert schneller als andere, das ist wahrscheinlich
eine Gabe Gottes. Aber ich glaube schon, daß er schlagbar ist,
auch er ist kein Übermensch. Wenn man ein paar gute Schwimmer
zusammenhätte und dann mit dem Rad vorneweg fahren könnte, dann
müßte er sich beim Laufen schon strecken.
Haben Sie auch Ambitionen, was die olympische Strecke,
die Kurzdistanz, betrifft?
Die hatte ich mal, kurzfristig bis mittelfristig. Letztes Jahr
war ich Zehnter bei der deutschen Meisterschaft. Dieses Jahr
bin ich wieder gestartet, doch dann kam eine Verletzung dazwischen.
Damit ist die Kurzdistanz für mich beendet.
Für diese Saison oder generell?
Generell. Ich starte zwar im Rahmen der zweiten Bundesliga für
das Honda Team Coburg auf der Kurzdistanz, aber man muß als
Triathlonprofi auf die Langdistanz gehen, um es finanzieren
zu können. Die Langdistanz ist das einzige, was im Triathlon
interessant ist. Kurzdistanz? Wer kennt schon einen Vuckovic,
auch wenn er absolute Weltspitze ist? Leder, Zäck, Hellriegel,
das sind Namen, die man mit Triathlon verbindet. Außerdem wird
über die kurze Distanz Windschatten gefahren, und Windschatten
macht unseren Sport kaputt.
Wie wichtig ist Intelligenz beim Triathlon, Taktik?
Hawaii wird mehr und mehr taktisch. Wenn man sieht, wie zum
Beispiel Tim de Boom seine Rennen gewinnt. Viele fahren nicht
mehr so schnell Rad, die rechnen sich aus, was noch geht beim
Laufen, was kann ich laufen, was kann der andere laufen. Das
ist nicht mehr so wie früher, als Leute wie Zäck auf dem Rad
bis ins Koma gefahren sind und dann versucht haben, sich noch
ins Ziel zu retten. Das ist nicht mehr der Weg, wie man Rennen
gewinnt.
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