Nicht jeder Schlag ins Wasser ist ein veritabler
Missgriff. Aber Verbesserungspotenzial gibt es allemal. Also kniet
Jan Sibbersen am Rand des Pools im Club Pollentia auf Mallorca,
streckt seinen linken Arm nach vorn-oben, dreht die Hand nach außen
und beschreibt ein "S".
Die Demonstration des perfekten
Armzugs durch den 27 Jahre alten Triathleten mit Wahlheimat
Darmstadt zeitigt schnellen Erfolg. "Ich habe einiges gelernt", sagt
Manuel Reuter nach dem Crash-Kurs in Sachen Kraul-Technik. Der
zweimalige Le-Mans-Sieger und Opel-Werksfahrer bei der Deutschen
Tourenwagenmeisterschaft schwimmt, fährt Rad, läuft regelmäßig zur
Regeneration und ist fasziniert vom Dreikampf der Eisenmänner. Für
die Zeit nach seiner Karriere als Rennfahrer hat sich Manuel Reuter
den Start beim Ironman zum Ziel gesetzt. "Hawaii ist ein innerer
Drang."
Diesem Bedürfnis, in Kuna an die eigenen Grenzen zu
gehen, ist Jan Sibbersen schon zweimal gefolgt. Zudem war der
gebürtige Coburger beim Ironman Germany 2002 in Frankfurt in seinem
Element, als er nach 44:54 Minuten und damit in der zweitbesten je
bei einem Langdistanztriathlon geschwommenen Zeit nach den 3,86
Kilometern aus dem Langener Waldsee stieg. In der ersten
Teildisziplin kann dem ehemaligen 400- und 1500-Meter-Schwimmer und
Olympiakandidaten 1996 und 2000 derzeit kein anderer Triathlet der
Welt das Wasser reichen.
Beim Opel Ironman Germany am 13.
Juli in Frankfurt hofft Jan Sibbersen nun, auf dem Land Boden
gutzumachen gegen die Weltspitze, die ihn im Vorjahr bei Kilometer
100 auf der Radstrecke stellte. Für dieses Jahr hat sich das
sportliche Multitalent, bei der Ironman-Premiere in Frankfurt als
Zwölfter auf dem Römerberg angekommen, trotz des deutlich stärker
gewordenen Starterfeldes eine Top-Ten-Platzierung zum Ziel gesetzt.
Nach 8:30 bis 8:45 Stunden will Sibbersen den Härtetest bestanden
haben, nachdem er im August noch vier Minuten über der
Neun-Stunden-Marke geblieben war. Die Siegerzeit des Darmstädters
Lothar Leder, der aus Verpflichtung seinen Sponsoren gegenüber in
diesem Jahr dem Triathlon in Roth den Vorzug vor dem in Frankfurt
geben muss, betrug 8:21,31 Stunden.
Auch Vollprofi Lothar
Leder profitiert bisweilen von den Tipps des ehemaligen deutschen
Spitzenschwimmers Sibbersen. Wie im Gegenzug der Wasser-Mann dank
des Rates von Leder auf dem Trockenen mehr und mehr Land zu gewinnen
hofft. "Wir tauschen uns gegenseitig aus", beschreibt Sibbersen das
kollegiale Verhältnis zu dem Darmstädter Dauer(b)renner. Nicht
zuletzt, weil er mit Leder gemeinsame Einheiten absolvieren kann und
in Darmstadt überhaupt "ideale Trainingsbedingungen" vorfindet, hat
sich Jan Sibbersen in Mühltal-Traisa niedergelassen. Für ihn das
optimale Basislager, um in seinem extravaganten Beruf vorwärts zu
kommen.
"Wenn ich was mache, dann mache ich es richtig",
lautet Jan Sibbersens Credo. Weshalb der Wertpapierhändler bei einer
großen US-amerikanischen Investmentbank in Frankfurt vor einem Jahr
sein Depot im Messeturm aufgab, um fortan auf die Ich-AG zu setzen.
"60 bis 70 Stunden in der Woche zu arbeiten und dann noch morgens
und abends Training, war hart am Limit und nicht länger
durchzuhalten", sagt Sibbersen. Im Gegensatz zu der Lage an der
Börse sind die Aktien des Harvard-Absolventen auf dem Boom-Markt
Ironman seither gestiegen. Obwohl erst seit zwei Jahren einer der
Eisenmänner, hat Jan Sibbersen sich gerade wegen seiner
außerordentlichen Schwimm-Fähigkeiten bereits einen guten Namen in
der Szene verschafft.
Um auch weiter als "Outperformer" zu
gelten, will Sibbersen seine Renntaktik ändern. Gruppendynamik statt
Flucht nach vorn. Statt wie bisher die Führung nach dem Schwimmen
möglichst lang zu verteidigen, um dann doch von den
Kilometerfressern der Landstraße geschluckt zu werden, wolle er sich
künftig früher einreihen ins Feld, um Kraft zu sparen. In der Gruppe
rollt sich's leichter, auch wenn Windschattenfahren verboten ist.
Sibbersen hofft, auf diese Weise einen längeren Atem zu behalten für
seine Problemdisziplin Laufen.
Auf der Marathondistanz kann
er nicht auf die Hilfe von Lothar Leder setzen, selbst wenn der
Titelverteidiger in Frankfurt starten würde: "Der ist beim Laufen
einfach noch zu schnell." Aber vielleicht weiß ja der
24-Stunden-Sieger Manuel Reuter, wie man erfolgreich über die Runden
kommt.
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Frankfurter Rundschau 2003
Erscheinungsdatum 08.04.2003

