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27.06.02
Interview im DTU-Magazin

Jan, wie bist Du zum Triathlon gekommen?

Die wenigsten Leute wissen dass ich schon seit einigen Jahren dem Triathlonsport verbunden bin. Waehrend der Sommerpause der Schwimmsaison habe ich in den letzten Jahren immer das eine oder andere Rennen bestritten. Meinen ersten Triathlon absolvierte ich 1992. Damals habe ich bei Kilometer 30 auf dem Rad in Fuehrung liegend einen Platten bekommen und bin die restlichen 10 km auf der Felge gefahren. Danach war ein neues Rad faellig und es war natuerlich ein Triathlonrad. 1993 war ich bei den German Open in Hannover am Start und konnte bis Kilometer 15 auf dem Rad die Fuehrung behaupten, bevor ich dann nach hinten durchgereicht wurde. Mein bestes Resultat auf einer Kurzdistanz stammt wohl aus dem Jahre 1994. Damals konnte ich in Hof eine 3-Minuten Fuehrung nach dem Rad ins Ziel retten, wo es allerdings dann nur noch 17 Sekunden waren. Meine Endzeit betrug 1:58 Stunden.

Wie kamst Du auf die Idee Hawaii als Deine erste IRONMAN-Distanz zu waehlen?

Die ganze Geschichte mit Hawaii war ehrlich gesagt ein reiner Zufall. Nachdem ich letztes Jahr meinen Universitaetsabschluss in der Tasche hatte und meine Schwimmkarriere beendete, wollte ich eigentlich nur noch halbwegs fit bleiben und mich voll auf das Arbeitsleben konzentrieren. Ich zog von meinem Studienort Boston nach New York um und nahm einen Job bei einer Investment Bank an der Wall Street an. Im Herbst letzten Jahres kam mich mein langjaehriger Freund Klaus Poettgen vom DSW Darmstadt in New York besuchen und erzaehlte mir von einem Halb-Ironman auf der Karibikinsel St. Croix, bei welchem er sich fuer Hawaii 2001 qualifizieren wolle. Nach einigen Ueberredungskuensten von Klaus’ Seite meldete ich mich dann auch an, ohne jedoch wirklich zu wissen worauf ich mich hier eingelassen hatte. Damals war von Hawaii ueberhaupt keine Rede und “ueberleben ist alles” war meine Devise. Anfang Maerz des Jahres hatte ich 0 Rad- und Laufkilometer und vielleicht 50 Schwimmkilometer absolviert, was meiner Ansicht nach bei einer 60-70 Stunden Arbeitswoche gar nicht so wenig war. Dann wurde es mir allerdings doch etwas mulmig und ich entschied mich zunaechst ein Fahrrad zu kaufen (5 Wochen vor dem Wettkampf) und wenig spaeter kamen dann auch die Laufschuhe hinzu. Beim darauf folgenden Radtraining (1x pro Woche, meistens am Sonntag) ging es wirklich ums Ueberleben. Wie ich die 30 Kilometer vom Financial District in Downtown Manhattan bis hoch zur 178-sten Strasse (George Washington Bruecke nach New Jersey) jedes Mal unbeschadet ueberstanden habe ist mir heute noch ein Raetsel. Laufen in New York ist da schon etwas einfacher und auch ein bisschen ungefaehrlicher. Die grosse Runde im Central Park ist ziemlich genau 10 Kilometer lang und am Wochenende fuer den Verkehr gesperrt. Geschwommen bin ich in einem Fitnessclub nahe meiner Wohnung am Battery Park. Mit schaetzungsweise 100 Schwimm-, 400 Rad- und 150 Laufkilometern ging es dann nach St. Croix. Dort erwischte ich wirklich einen Glueckstag, an dem wirklich alles perfekt lief. Zwar hatte ich ernsthafte Probleme das “Beast” (ein 18%-iger Anstieg ueber einen Kilometer) mit dem Rad hinaufzukommen und beim Querfeldeinrennen ueber einen Golfplatz nicht zu stolpern, aber letztendlich konnte ich mein Tempo bis ins Ziel auf sehr hohem Niveau halten. Das Ergebnis war ein 1. Platz in meiner Altersklasse, 2. Platz von allen Amateuren, 14. im Gesamtklassement nach 4:30:31 Stunden (2/90/21; 22min; 2:30h; 1:37h) und gleichzeitig die Hawaii-Quali. Klaus Poettgen qualifizierte sich auch mit einer bravoroesen Leistung und somit gab es kein Zurueck mehr. Von nun an hiess es nicht mehr “ueberleben ist alles”, sondern “Hawaii ruft”.

Wie sah dann das Rennen in Hawaii und vor allem das Schwimmen aus Deiner Sicht aus? Hattest Du erwartet als Erster aus dem Wasser zu steigen?

Ich habe vor Hawaii immer gesagt, dass ich mir einen Platz in der Spitzengruppe nach dem Schwimmen vorstellen koennte, aber ich war keinesfalls ueberzeugt als Erster aus dem Wasser zu kommen. Klar, man trainiert nicht um Zweiter zu werden, aber man weiss ja auch nie wer bei einem solchen Rennen alles dabei ist und es eventuell auch auf die schnellste Schwimmzeit abgesehen hat. Dann gibt es ausserdem immer noch ein paar Restrisikos: bleibe ich gesund waehrend der Vorbereitung? Wie ist mein Wassergefuehl am Wettkampftag, etc. Natuerlich habe ich davon getraeumt als Erster aus dem Wasser zu steigen, um dann zumindest fuer kurze Zeit den Platz an der Sonne zu geniessen. Aber sicher kann man sich da nie sein. Das es letztendlich so eingetreten ist war einfach unglaublich und ich bin uebergluecklich ueber diesen Erfolg.
Zum Schwimmen auf Hawaii kann ich sagen, dass ich es mir schwieriger vorgestellt hatte am Anfang aus der 2. Startreihe durch die Profis hindurch bis ganz nach vorne zu schwimmen. Ich kam sehr gut weg und hatte schon nach wenigen 100 Metern Kontakt zur Spitzengruppe. Zumal ich etwas seitlich versetzt zu dieser Gruppe schwamm, hatte ich auch hier keine Probleme vorbei zu kommen und fand mich schliesslich hinter dem fuehrenden Neuseelaender Steven Sheldrake wieder. Dann beging ich aber leider einen klassischen taktischer Fehler. Anstatt sich erst ein bisschen im Sog auszuruhen und dann vorbei zu sprinten, hab’ ich gleich versucht den Kiwi abzuhaengen. Leider war mein Tempo beim Ueberholen nicht schnell genug und zu meinem grossen Entsetzen musste ich feststellen wie sich Mr. Sheldrake an meinen Fuessen “festbiss”. Beim Wendeboot das gleiche Spiel. Ich habe mich kurz umgedreht und schon gab es eine Fussmassage. Als Steve nach knapp 3 Kilometern immer noch wie eine Klette an mir hing, wurde ich langsam nervoes. Ausserdem war ich ziemlich muede von all den taktischen Spielchen wie Tempowechseln, Zwischensprints und kurze Haken schwimmen. Aber auf einen Zielsprint wollte ich mich auch nicht einlassen, dann haette ich nicht mehr aufs Rad steigen wollen. Also ein letzter Antritt mit vereinten Kraeften, ein bisschen Hilfe von einer Welle und es gelang mir eine kleine Luecke zu Steven aufreissen. Zum Glueck konnte ich das Tempo fuer ca. 30 Sekunden halten und endlich war Ruhe. Die restlichen 800 Meter waren dann nicht mehr so hart. Die Vorfreude und wenig spaeter das Gefuehl als Erster aus dem Wasser zu kommen waren einfach unbeschreiblich. Die Wechselzone, die Zuschauer, die enorme Stimmung und vor allem die unglaubliche Energie, welche man foermlich spueren konnte, werde ich nie vergessen. Eine viertel Stunde konnte ich dieses Erlebnis geniessen, bevor Steven Sheldrake an der Auffahrt zum Highway an mir vorbeifuhr. Dann begann fuer mich der psychologisch haertere Teil des Rennens. Ich muss wohl einer der wenigen Teilnehmer gewesen sein, der nur ueberholt worden ist und niemanden selbst ueberholt hat. Das ist die Kehrseite einer schnellen Schwimmzeit, aber damit konnte ich gerne leben. Am Ende war ich nach 10 Stunden 29 Minuten als 232. im Ziel. Fuer meinen ersten Ironman und Marathon ueberhaupt war ich hochzufrieden. In Zukunft sollte das aber schon noch ausbaufaehig sein.

Zur Vorbereitung: Wie hast Du Dich auf Hawaii vorbereitet?

Das Training fuer Hawaii war fuer mich weitaus anstrengender als der Wettkampf selbst. Ich war im Juni auf einem Ironman-Trainingscamp von Paul Huddle (Paula Newby-Fraser’s Trainer und Lebensgefaehrte) in Boulder, Colorado. Huddle hat mir einen Traininsplan geschrieben welcher mit meinem Beruf zu vereinbaren war. Bei einer 60-70 Stunden Arbeitswoche kam ich meistens nur zu einer Stunde Sport am Tag, deshalb habe ich die Schwerpunkte auf das Wochenende verlegt. Samstags bin ich immer frueh geschwommen und dann 5-6 Stunden Rad gefahren, Sonntags erst ein langer Lauf und dann noch locker eine Stunde im Schwimmbad. Alles in allem war das nicht sehr viel Vorbereitung, aber ich muss dazu sagen, dass ich immer noch einen sehr ausgepraegten Hintergrund im Ausdauerbereich vom Schwimmen mitbringe. 1500-2000 Kilometer im Wasser pro Jahr ueber 10-15 Jahre hinweg gehen gluecklicherweise nicht so schnell verloren.

Was hast Du in der Woche auf Hawaii noch gemacht?

Ich habe zum groessten Teil die Beine hochgelegt und versucht mich so gut wie moeglich zu akklimatisieren. Einmal war ich Laufen, zwei Mal Rad fahren, aber jeweils nur fuer eine Stunde. Die einzige Belastung habe ich im Schwimmen gesetzt. Am Mittwoch vor dem Rennen waren ein paar Sprints und 4x100 Durchschnittstempo auf dem Programm. Dies alles nur um mein Zeitgefuehl aufrecht zu halten, ansonsten habe ich wirklich versucht Hawaii zu geniessen.

Wie sieht dein Schwimmtraining so aus?

Mein Schwimmtraining fuer Hawaii war sehr zielorientiert und effizient. Ich habe keine Zeit mit ueberlangen Serien verschwendet, sondern weitestgehend versucht am Wettkampftempo zu trainieren. Deshalb war fuer mich meistens ein Mix aus anaerobem Schwellentraining, Schnelligkeit und Techniktraining angesagt. Abgerundet habe ich meine Einheiten mit Ruecken- oder kurzen Lagenserien, was unglaublich gut fuer die Allgemeinkondition im Wasser hilft. Vor dem Ausschwimmen baue ich immer noch gerne einen Sprint ein um noch mal andere Reize zu setzen. Das Ausschwimmen (mindestens 100, oft 200+ Meter) halte ich fuer einen der wichtigsten Bestandteile des Trainings. Hier bereite ich mich physisch und psychisch auf die naechste Trainingseinheit vor.

Was ist deine Lieblingsserie?

Es gibt einige Serien die mir sehr gefallen und welche ich auch alle paar Wochen wiederhole um meinen Fortschritt zu messen. Das klappt zwar nicht immer, ist aber ein super Anhaltspunkt. Ein Beispiel waeren die 6 x (400 Kraul Puls 130-150; Pause 1min + 50 Sprint + 50 locker). Zu meiner aktiven Zeit als Schwimmer bin ich auf der 50-Meter Bahn die 400er unter 4:30 und die 50er in 26 Sekunden geschwommen. Davon kann ich heute nur noch traeumen.

Wie sieht dein Techniktraining aus?

Techniktraining ist fuer mich noch ein absolutes Muss in fast jeder Schwimmeinheit. Triathleten sollten meiner Ansicht nach viel mehr Wert auf Techniktraining legen, denn dies ist ein Bereich in dem man mit relativ geringem Aufwand oft noch sehr viel erreichen kann. Natuerlich ist es von Vorteil einen Trainer vor Ort zu haben, aber auch alleine kann man gezielt an seiner Technik feilen. Ich halte sehr viel von Uebungen die dem Wassergefuehl helfen (mit Faust oder offener Hand schwimmen, einarmig, Abschlagschwimmen) oder auch von Rotationsuebungen welche die Hueftbewegung herausheben.

Was sind Deine Plaene fuer 2002?

Ich freue mich zunaechst auf den Winter und Skifahren. Mal sehen was sich naechstes Jahr ergibt. Der Ironman-Germany in Frankfurt wuerde sich natuerlich anbieten, aber ich habe noch keine Entscheidung getroffen.